Montag, 12. September 2016

Rundreise - die Tage 8 bis 11

Man hat es sicher schon gemerkt: Während einer Rundreise, wo man etwa jeden zweiten Tag woanders sein Lager aufschlägt und von früh bis spät andauernd ein Programm geboten ist, kommt man eher schlecht zum Tagebuch- bzw. Blog-Schreiben. Das möchte ich hiermit nachholen und vom Rest unserer kleinen Neuengland-Tour berichten.

Donnerstag - Die Felsenküste von Maine

Sandi und ich waren ja schon vor zwei Jahren in Camden, Maine. Die kleine Stadt ist uns zwar nicht unangenehm in Erinnerung geblieben, aber so richtig viel haben wir uns damals nicht angeschaut - im Grunde war Camden nur ein günstig gelegener Zwischenstopp auf der Fahrt von der südlichen Küste Maines zum relativ weit nördlich gelegenen Acadia National Park. Diesmal hatten wir den bewusst von der Routenplanung ausgeschlossen, um neben Montreal nicht noch einen größeren Ausreißer drin zu haben, der vor allem Meilen auf den Tacho bringt. Als Ersatz eben die zwei Nächte an der Felsenküste von "Mittelmaine" in der Nähe der kleinen Hafenstädte Boothbay Harbor und Camden.
Weil es heute relativ neblig war, haben wir beschlossen, die knappe Stunde nach Norden zu fahren, um Camden einen Besuch abzustatten. Kurz und knapp: Für alle Beteiligten war das eine sehr gute Entscheidung, allen hat Camden von allen besuchten Städten mit am besten gefallen. Es ist einfach eine nette kleine Hafenstadt mit vielen netten Geschäften, Kaffees und Restaurants - ohne gleich wieder überkommerzialisiert und überlaufen zu wirken. Etwas im Gegensatz dazu steht die typischerweise etwas stärker gehypte "Konkurrentin" Boothbay Harbor. Im Grunde ähnlich strukturiert, hat man hier wesentlich eher das Gefühl, dass es sich um ein Touristendorf handelt und nicht um eine funktionierende Gemeinde, die vor allem für ihre Einwohner da ist. Zumindest war das im Mittel unser Eindruck, den wir gewonnen haben, als wir am Abend desselben Tages auch dieser Stadt einen Besuch abgestattet haben, um dort zu Abend zu essen (für mich gab's zum vierten mal an zwei Tagen Hummer - das reicht jetzt wieder für eine längere Zeit...).

Die farbenfrohen Fassaden in der Innenstadt von Camden.
Der Yachthafen von Camden im sich langsam auflösenden Nebel.
In der Innenstadt von Boothbay Harbor.
Den Nachmittag dazwischen haben wir in unserem Hotel, dem historischen Newagen Seaside Inn, verbracht, um wenigstens einmal ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Der schon vorher erwähnte Nebel hat atmosphärisch nochmal einige Schippen drauf gelegt: Das geschichtsträchtige Gebäude, das große Anwesen direkt an der einsamen Felsenküste, alles im Nebel verhangen - das hatte schon was.

Nebliger Blick von der Hotelterasse auf Küste und Pool...
...und vom Pool aufs Hotel.

Freitag - Endlich am Strand

Und wieder hieß es umziehen, der nächste Stopp steht auf dem Programm. Unglücklicherweise hatten wir diese letzten beiden Nächte nicht vorgebucht, weil wir fest der Überzeugung waren, dass die Saison mit dem Labor Day vergangenen Montag endet und man überall einfach nur zur Tür hinein spazieren muss, um ein Zimmer zu bekommen. Naja - weit gefehlt. Anscheinend nutzt halb Amerika nochmal die "Shoulder Season" im immer noch warmen September, um an der Küste Maines die letzten Sommertage zu genießen. So kam es, dass wir erst nach langen, teilweise frustrierenden Recherchen mit Internet und Telefon ein Zimmer gefunden haben. Nicht, wie ursprünglich geplant, in einer der Beach Communitys wie Old Orchard Beach oder Ogunquit, sondern in Freeport, das wir ja bereits am Mittwoch während der Anreise an die Küste kurz besucht hatten. Um dennoch wenigstens einmal in den Genuss eines Sandstrandes am Atlantik zu kommen, haben wir auf der Fahrt von Cape Newagen nach Freeport einen Stopp im Reid State Park eingelegt. Das ist einmal mehr ein staatlich verwaltetes Naturschutzgebiet (eine Art Mini-Nationalpark), das sich vor allem durch ein paar wirklich schöne Sandstrände auszeichnet. Dort haben wir dann ausgiebig in den gar nicht mal üblen Wellen gebadet (das Wasser war - so würde ich schätzen - 16-17 °C "warm" und damit optimal erfrischend) und uns in der Sonne im Sand wieder aufgewärmt. Wunderbare Sache!

Einer der Strände im Reid State Park.
Teilweise waren die Wellen mehr als mannshoch - das hat Spaß gemacht! 
Den Nachmittag in Freeport haben wir dann hauptsächlich im Hotel, dem altehrwürdigen Harraseeket Inn, verbracht, wo wir den Altersschnitt beim 5-Uhr-Tee sauber gesenkt und als so ziemlich die einzigen den Hotelpool genutzt haben. Und nach dem Abendessen sind die Sandi und ich nochmal zum L.L. Bean-Flagship-Store vorgeschlendert, um gegen 22:00 ein paar schöne Klamotten zu kaufen. Warum? Weil wir es können. ;) Schon irgendwie ein lustiges Gefühl.

Abendstimmung in Freeport.

Samstag - Portland und sein Leuchtturm

Wie es der Zufall so wollte, war an genau diesem Samstag der einmal jährliche Tag des Leuchtturms (oder so ähnlich), an dem alle Leuchttürme Maines dem interessierten Publikum zugänglich gemacht werden. Schönerweise liegt gut 10 Minuten südlich von Freeport die Stadt Portland, mit knapp 70.000 Einwohnern die größte Stadt des nur gut 1,3 Millionen Einwohner zählenden Staates Maine (Deutschland ist ziemlich genau 4x so groß wie Maine, hat aber mehr als 60x soviele Einwohner...). Und wieder eine Viertelstunde weiter im Süden der Stadt hat Portland seinen eigenen Leuchtturm, das Portland Headlight. Was lag also näher, als die Chance zu nutzen und einen Leuchtturm von Innen zu besichtigen? Leider haben sich das auch ziemlich viele andere Touristen und Einheimische gedacht, nicht zuletzt die 2.224 Passagiere des am selben Tag im Hafen von Portland liegenden Kreuzfahrtschiffes Norwegian Dawn, das sich zurzeit auf einer 7-tägigen Reise entlang der Küste von Ostkanada und Neuengland befindet. Weil also die Wartezeit für eine (kostenfreie!) Besichtigung mindestens zwei Stunden betragen hat, haben wir uns Tickets für eine der letzten Touren geholt und sind zum Zeitvertreib nach Portland Downtown zurück gefahren, um uns ein bisschen die (für amerikanische Verhältnisse) alte Hafenstadt anzuschauen. Mir gefällt Portland sehr gut, die roten Backsteingebäude im alten Hafenviertel haben ihren ganz eigenen Charme, und die Größe der Stadt ist gerade richtig, dass genug geboten wird, ohne im Trubel einer Großstadt zu enden. Nach ausgiebigem Bummel durch die Gassen und dem erfolglosen Versuch, so nah wie möglich an die Norwegian Dawn heranzukommen, sind wir wieder zum Leuchtturm zurück gefahren und konnten im Zwei-Schicht-Betrieb (damit immer eine Schicht auf die kleine Anna, die wir am Boden zurück gelassen haben, aufpassen konnte) den Leuchtturm erklimmen und die Aussicht genießen. Mit dieser schönen Attraktion war dann die Rundreise schon fast an ihrem Ende angekommen, weil wir den Tag dann nur noch im Umfeld des Hotels in Freeport ausklingen lassen haben.

Das Portland Headlight, der Leuchtturm von Portland.
Winke, winke!
Wieder coole Stimmung beim Blick von oben.
Die Gassen des Alten Hafenviertels in Portland.
Downtown Portland.
Da kann man sagen, was man will - aber irgendwie sehen Nutzfahrzeuge in den USA cooler aus, als dieser MAN-Standard bei uns.


Sonntag - Endlich geht's (zurück) nach Northampton!

Insbesondere bei Sandi und mir war jetzt schon eine große Vorfreude da, endlich wieder zurück "nach Hause", ins schöne Apartment in Northampton zu kommen. Aber auch meine Familie war schon gespannt, endlich unsere temporäre Wahlheimat  kennen zu lernen. Also haben wir nach dem Frühstück sofort die Pferde gesattelt und sind nach Westen, gen Massachusetts aufgebrochen. Natürlich fährt man so eine knapp 4-stündige Route nicht unbedingt ohne Zwischenstopp. Zwei hatten wir uns davor überlegt: Zuerst den Bass Pro Shop in Hooksett, New Hampshire, damit auch meine weniger Angel- und Jagd-verrückte Familie mal einen Eindruck von diesem Teil des echten Amerika bekommt. Den haben sie auch gekriegt, und das Beste ist: Keiner ist ohne Einkäufe davon gekommen. Aber zum Beispiel Wanderhosen mit abnehmbaren Beinteilen kann halt jeder brauchen. ;)

Eine weitere Bass Pro-Filiale abgehakt...
Auch wenn's bei weitem nicht die größe war, die wir je besucht haben, gibt's auch hier etwas für jeden Bedarf und Geldbeutel.
Der zweite Stopp war dann die Kleinstadt Keene in New Hampshire. Ich habe die Stadt ja schon mal in meinen einleitenden Worten zum Staat New Hampshire wegen ihres klangvollen Namens unter Freiheitsfreunden erwähnt. Darüber hinaus ist die Stadt aber auch bekannt für ihr alljährliches Kürbisfestival und dafür, eine typische neuenglische Kleinstadt zu sein. So hat sie sich uns dann auch gezeigt: Eine nette, Baum-gesäumte Innenstadt mit kleinen Läden, Kaffees und Restaurants, wo es sich super bummeln lässt. Aber auch die libertäre Seite hat sich in all ihrer Pracht gezeigt: Als wir uns in einem typisch linken Kaffee, das ganz auf organischen Fair-Trade-Kaffee spezialisiert und so politisch korrekt war, dass sogar die Mann/Frau-Schilder an den Klos durch "Mensch"-Schilder ausgetauscht wurden, hat neben uns ein völlig normal aussehender, etwa 30-jähriger Typ einen Kaffe bestellt - mit Pistole im Halfter. Das ist eben New Hampshire, und vielleicht Keene im Besonderen: Hippies und Schusswaffenfreunde leben Seite an Seite - Hauptsache der Staat redet einem nicht drein...

Innenstadt von Keene, New Hampshire.
Altes Kino in der Innenstadt von Keene. Der Typ mit der Kappe im Hintergrund ist der beschriebene 2nd Amendment-Freund.
Gegen 17:00 waren wir dann endlich in Northampton und haben (wieder) Quartier bezogen. Weil aus dem geplanten Abendessen im Diner nichts wurde, haben wir in der Innenstadt beim Mexikaner draußen gesessen und sehr gut mexikanisch gespeist, bevor wir die Rundreise an der Feuerstelle im Garten des Appartments ausklingen haben lassen. Jetzt sind alle gespannt, was die kommende Woche, in der wir hier die Gegend vorstellen werden, so bringt. 

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