Freitag - Angelguiding mit Wasserschaden
Unsere erste volle Woche in der temporären Wahlheimat haben wir gleich mal standesgemäß mit einem langen Wochenende eingeläutet. Hauptgrund dafür war, dass ich für Freitag ein Fliegenfischer-Guiding mit
Ken Elmer am
Swift River gebucht hatte. Der Swift River ist hier in Neuengland so ein bisschen legendär, weil er als Ausfluss des vor ein paar Tagen bereits erwähnten Quabbin Reservoirs eine der wenigen "Tailwater Fisheries" ist. Ein Tailwater ist im Grunde nichts anderes, als ein Fluss, der aus einem aufgestauten Wasserreservoir entspringt, wobei das Reservoir tief genug sein und der Auslauf am Fuße des Dammes lokalisiert sein muss (im Gegensatz zu einem Überlauf). Das führt wegen der bekannten Dichteanomalie des Wassers (man erinnert sich an die Schulphysik: unten ist es immer 4 °C warm bzw. kalt) dazu, dass der entsprechende Tailwater-Fluss das ganze Jahr über mit sehr kühlem Wasser gespeist wird. Und da die für Fliegenfischer vordringlich interessanten forellenartigen Fische (in der Regel sind das die Bachforelle, die Regenbogenforelle und der Bachsaibling) kaltes Wasser für ihr Wohlbefinden brauchen, ermöglichen Tailwaters das ganze Jahr über eine feine Fliegenfischerei - selbst in den Wüstengebieten von Texas oder New Mexico. Da es dieses Jahr auch hier in Neuengland sehr heiß und extrem trocken ist (viele sprechen schon von einer kleinen Jahrhundertdürre), ist es derzeit mit der Forellenfischerei normalerweise nicht weit her - außer eben in Flüssen wie dem Swift River, der zudem in den ersten Meilen auch noch ein Catch&Release-Fly-Only-Gewässer ist - das heißt: man darf nur Fliegenfischen und muss alle gefangenen Fische wieder ins Wasser werfen; damit sollen die Bestände geschont werden.
Jedenfalls ist Ken Elmer gebürtiger Massachusettser (sagt man das so?) und führt seit vielen Jahren oder sogar Jahrzehnten interessierte Angler in die Fischerei am Swift River ein. Für 90 Dollar begleitet er einen 3 Stunden am Wasser, gibt Hilfestellung beim Werfen, und gibt Hinweise auf vielversprechende Stellen und Köder. Das Ganze wird garniert mit zahlreichen Anekdoten aus einem langen Anglerleben und zusätzlichen Hintergrundinformationen über die Flüsse des westlichen Massachusetts - eine wirklich kurzweilige Angelegenheit. Gefangen hab ich an dem Tag trotzdem leider nur 3-4 fingerlange Jungsaiblinge, aber der sehr schöne Fluss, der in eine für europäische Verhältnisse recht wilde Landschaft eingebettet ist, hat dafür vollumfänglich entschädigt. Außerdem habe ich wirklich zahlreiche riesengroße Forellen und Saiblinge im kristallklaren Wasser gesehen - aber weil der Swift recht stark befischt wird, sind die Fische extrem wählerisch und lassen sich nur sehr schwer überlisten.
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| Einer der kleinen Saiblinge, die dann doch gebissen haben. |
Das dicke Ende des Tages kam dann aber zum Schluss: Weil ich mich beim Fischen auf Sicht immer nicht mehr kenne und völlig hypnotisch den Flossenträgern nachstelle, bin ich mit meiner Wathose etwas zu tief ins Wasser geraten. Gut, ich konnte gerade noch verhindern, dass mir die Wathose selber vollgelaufen ist - aber leider ist reichlich Wasser in meine angeblich wasserdichten Taschen eingedrungen. Und in diesen Taschen hatte ich davor extra noch meine Wertsachen (Geldbeutel, nagelneues Smartphone) verstaut, weil ich Angst hatte, dass sie in der Wathose drin vielleicht Wasser abkriegen könnten. Tja - genau falsch gedacht. Resultat war, dass ich meinen Ledergeldbeutel im Backofen trocknen musste, in der Küche dutzende Dollarscheine zum Trocknen aufgehängt habe - und mein Smartphone im Moment für 60 Dollar in einem Hardware-Reparatur-Laden diagnostiziert wird, wobei ich schon vorgewarnt wurde, dass ich nur eine 10%-Chance erwarten kann, dass das Handy je wieder funktionieren wird. Ein schwerer Schlag, was meine Vernetzung mit Zuhause angeht, und - wenn's schlecht läuft - auch ein herber finanzieller Schlag... :(
Trotz deutlich angeschlagener Stimmung haben wir den Tag dann bei einem Lagerfeuer im eigenen Garten, einem Gläschen kalifornischen Rotwein und über dem Feuer gerösteten Marshmellows ausklingen lassen - das hat mich dann wieder ein bisschen mit dem Schicksal versöhnt.
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| Lagerfeuer und Rotwein im Garten des Apartments. |
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| Ein über dem Feuer gerösteter Marshmellow mit Schokolade zwischen zwei Kekshälften. Das nennt man dann wohl "S'mores". |
Samstag - Ausflug ins Fliegenfischermekka von Vermont
Am Samstag stand dann ein Ausflug nach Vermont, genauer gesagt, nach Manchester an. Manchester hat gut 4.000 Einwohner, ist wirklich wunderschön und Neuengland pur. Und darüber hinaus ist es mehr oder minder die Hauptstadt der US-amerikanischen Fliegenfischerei. Grund dafür ist nicht nur der durch den Ort fließende Batten Kill River, sondern vor allem die Tatsache, dass ein gewisser Charles F. Orvis 1856 in Manchester die heute in Anglerkreisen weltbekannte Firma
Orvis gegründet hat. Bis heute befindet sich dort das Hauptquartier der Firma, ein Orvis-Outlet-Store, sowie die Manufaktur für Orvis-Fliegenruten. Im Jahr 1968 hat sich dann neben dem Orvis-Komplex noch das
American Museum of Fly Fishing angesiedelt, ein kleines, aber feines Museum zum Thema, dass zahlreiche Ruten, Rollen, Fliegen und Porträts berühmter Fliegenfischer (z.B. Ernest Hemingway oder George Bush Sr.) ausstellt. Und weil an genau diesem Samstag auch noch das 9. Jährliche Fliegenfischer-Festival vom Museum veranstaltet wurde, gab es nicht nur freien Eintritt, sondern vor dem Museum auch noch eine Reihe weiterer Stände mit unterschiedlichsten Angeboten zum Thema Fliegenfischen. Wir haben uns natürlich das Museum nicht entgehen lassen. Hauptgrund für den Ausflug war aber eigentlich Sandis Ansinnen, endlich auch eine Wathose zu ergattern. In Deutschland ist die Auswahl für Frauen einfach zu dünn bzw. wenn vorhanden, dann zu teuer, so dass ihr eben Orvis als letzte Rettung erschien. Und tatsächlich hat es auch geklappt - jetzt ist auch die Sandi stolze Besitzerin einer atmungsaktiven Wathose, die wir in den nächsten Wochen sicher des öfteren ausgiebig nutzen werden. Und das Beste: Dieses Modell hat erst gar keine Taschen. ;)
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| Anna vor dem American Museum of Fly Fishing. |
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| Im Museum. Klein, aber interessant! |
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| Ein Teil der Stände des Fliegenfischer-Festivals. |
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| Das Orvis-Hauptquartier mit zugehörigem Casting Pool (ein Weiher, an dem man Ruten und Schnüre probewerfen kann). |
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| Gleich nebenan das Orvis-Outlet. |
Nach all dem Angelgedöns wollten wir den warmen, sonnigen Tag in Ruhe ausklingen lassen. Also sind wir zum nur wenige Meilen nördlich von Manchester gelegenen
Emerald Lake State Park gefahren. Das ist ein netter kleiner See mit einer Insel in der Mitte, an dem man sich - oh wunder - Angelgerät, aber auch Kanus ausleihen kann, und wo ein kleiner Strand unterhalten wird, an dem man wunderbar faulenzen und baden kann. Das habe ich dann auch ausgiebig zusammen mit unserer kleinen Wasserratte Anna gemacht, die wie immer im Wasser einen Riesenspaß hatte und sich richtig ausgepowert hat.
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| Am Plantschen. :) |
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| Gar nicht mehr aufhören wollte sie, die Anna. |
Eigentlich wollten wir dann in Manchester übernachten. Da aber das einzige Zimmer, das wir an diesem Wochenende noch ergattern konnten (Vermonts putzige Städtchen sind im Sommer eigentlich nahezu immer voll ausgebucht), einen Teppichboden hatte, der feucht war und nach Hund roch, haben wir uns ganz spontan anders entschieden, die Buchung in den Wind geschossen und sind kurzerhand wieder heim nach Northampton ins wunderschöne Apartment gefahren. Wozu sonst wohnt man nur weniger als 2 Stunden von einem Großteil Neuenglands entfernt?! Abgesehen von diesem Reinfall in Sachen Unterkunft war Vermont aber einfach nur wunderschön und definitiv eine Reise wert! Einen nicht unbeträchtlichen Teil des kleinen Staates macht nämlich der
Green Mountain National Forest aus. Das ist ein riesiges Waldgebiet, durchzogen von Flüssen und kleinen Bächen, und mit zahlreichen typisch neuenglischen Kleinstädten. Wir sind extra von Northampton nach Manchester einen anderen Weg hin als zurück gefahren, um möglichst viel zu sehen, und im Grunde waren beide Wege perfekte Road-Trip-Strecken, wo allein das Fahren und dabei aus dem Fenster schauen schon richtig Freude macht. Und im Grunde ist das ja genau das, was man in Amerika sucht...
Sonntag - Fliegenfischen als Familienausflug
Am Sonntag haben wir dann gleich Sandis neue Wathose ausführen "müssen". Also sind wir wieder zum Swift River gefahren, wobei wir diesmal noch eine kurze Mittagspause am
Winsor-Staudamm eingelegt haben, also dem Staudamm, der das Quabbin-Reservoir aufstaut und aus dem der Swift entspringt. Dort gibt es ein kleines Visitor Center mit Picknickplatz und tollem Ausblick auf den riesigen Stausee, wo es sich gut aushalten ließ.
Danach haben wir dann gut 4 Stunden hüfttief im Wasser verbracht um endlich eine Forelle oder einen Saibling ans Band zu kriegen. Die Anna war dabei - wie zu Hause an Sempt und Co. auch immer - hinten in der Kraxn und hat sich am plätschernden Wasser und am Rumgetragen-Werden erfreut. Leider war uns auch heute wieder kein größeres Anglerglück vergönnt, obwohl uns regelmäßig Fische im 40cm-Bereich zwischen den Beinen herumgeschwommen sind. Aber irgendwas machen wir wohl verkehrt. Richtig schön war dafür der Kontakt zu den zahlreichen Kanu-Fahrern, die den Swift-River hinauf oder hinunter paddeln: So gut wie alle, die an uns vorbei gefahren sind, waren nämlich mehr als nur begeistert davon, dass wir die Anna im Huckepack beim Angeln dabei haben und ihr so schon früh den Zugang zur Natur ermöglichen. Kein einziger hat blöd geschaut oder gar ein Problem mit dem Angeln an sich gehabt. Im Gegenteil - in Amerika gehört Angeln zum guten Ton, vom einfachen Redneck bis zum Topmanager oder sogar zum Präsidenten macht es nahezu jeder, und es wird allgemein als natürlicher Teil des hierzulande so beliebten Outdoor-Lebens gesehen. Davon könnte man sich in Deutschland mal eine Scheibe abschneiden... ;)
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| Das Quabbin-Reservoir. |
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| Anna freut sich über den Auslauf. ;) |
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| Der Winsor-Staudamm, einer der größten Staudämme der östlichen USA. |
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| Familien-Fliegenfischen am Swift River. |
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| Der Michi bindet eine neue Fliege an un die Anna relaxt. |
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